News aus Südafrika: Ein lehrreiches Jahr
Lisa Balz hat uns einiges zu erzählen:
19.11.2006
Ein lehrreiches Jahr
Transformation
Mit Erstaunen musste ich feststellen, dass bereits mehr als ein Jahr vergangen ist, seit ich meinen letzten Bericht veroeffentlichte. Wie heist es so schoen in Englisch: “Time flies.” Der letzte Bericht war das Interview, das Anja Kolberg damals mit mir in Muenchen gefuehrt hat. Seitdem hat sich vieles getan in meinem Leben; vor allem im persoenlichen Bereich. ---- Doch eines nach dem anderen!
Als ich im November letzten Jahres aus Deutschland zurueckkehrte, stellte ich zunaechst den Coffee Shop fertig. Vier Wochen lang agierte ich dort nach der Eroeffnung als Manageress. Diese Zeit machte mir wieder einmal klar, dass es viel zu langweilig fuer mich ist, einen Coffee Shop order ein Restaurant zu fuehren! Es fuehrt zu einer taeglichen Routine, die meiner Kreativitaet abtraeglich ist! Ich brauche einfach andere Kanaele fuer meine Energie!
Trotz vielfacher Bemuehungen bekam ich keinen einzigen Job – weder im Dezember noch im Januar und Februar und Maerz! Dabei neigten sich meine Geldreserven dem Ende zu! Ich glaube, dass ich nicht weiter beschreiben muss, welche Gedanken mich verfolgten! Was mache ich, wenn der Kuehlschrank leer bleibt? Was mache ich, wenn ich die Miete nicht mehr zahlen kann? Was mache ich, wenn……………….Wie gehe ich mit der Angst um, die mich aufzufressen droht?
Meine beste Therapie in dieser Zeit waren lange Strandspaziergaenge.
Warm angezogen gegen den stuermischen Wind zu laufen hilft mir jedesmal,
meinen Kopf zu klaeren. Die ersten Sonnenstrahlen liessen mich auch bald
meine Schuhe ausziehen und den Sand unter den Fuss-Sohlen spueren. Da
dachte ich auf einmal: “Gott, Du hast mich nicht nach Suedafrika
gefuehrt, dass ich jetzt und hier aufgebe!” Ich tat einige Schritte in’s
Wasser und stellte mir vor, dass die Angst aus meinem Koerper
herausfloss und vom Ozean fortgetragen wurde!
Wirklich kraftvoll!!!
Nach langen, langen Kaempfen mit mir selber tat ich dann das, was
ich mit Haenden und Fuessen ablehnte --- ich nahm wieder einen
regelmaessigen Job an! Einen Halbtags-Job fuer drei Monate als
Rezeptionistin, Einkaeuferin, Koechin, Kellnerin - eben als “Maedchen
fuer Alles” in einem Vier-Sterne-Gaestehaus. Meine Ueberlegung dazu war,
dass mir dieser Job die Basis des taeglichen Lebens sichern wuerde. Den
verbleibenden halben Tag wuerde ich dann dazu nutzen, mein eigentliches
Geschaeft aufzubauen.
Mit der Entscheidung, den inneren Widerstand sausen zu lassen, flossen mir auch andere Job’s zu! Auf einmal musste ich meine Tage sehr sorgfaeltig planen, um alles getan zu bekommen! Das war jedoch genau das, was ich wollte!!!! Unterwegs sein, kreativ sein, zufriedene Kunden zu sehen!
Fuer ein Restaurant schrieb ich penible Job Descriptions fuer jede
einzelne Position. Fuer das Kuechenpersonal liest sich das dann z. B.:
wie man eine Tomate schneidet fuer gegrillte Tomaten: “Schneide die
Kappe mit dem Stielansatz ½ cm dick ab. Halbiere die Tomate
horizontally, fuege die Haelften wieder zusammen und lege sie mit der
Schnittflaeche nach unten auf ein 1/1 Blech.”
Fuer den Barmann
z. B. eine detaillierte Zubereitung eines Cappuccinos oder das genaue
opening and closing procedure der Bar. Fuer die Kellner z. B. den
genauen Ablauf wie eine Rechnng produziert und praesentiert wird. Fuer
Manager z. B. welche Aufgaben fuer welches Personal er zu ueberwachen
hat und wann.
Diese detaillierten Aufgabenbeschreibungen werden jedem
zukuenftigen Angestellten ausgehaendigt zum Studium. Nachdem der
Angestellte dann zu erkennen gibt, dass er sich den geforderten Aufgaben
gewachsen fuehlt, liest er die ganze “Aufgaben-Bibel” laut vor, wobei
jede seiner Fragen im Detail beantwortet wird. Gibt es Sprachprobleme,
wird ein Dolmetscher hinzugezogen. Dieses Gespraech wird auf Band
aufgezeichnet – unter Einverstaendnis des Interviewten! Die detaillierte
Aufgabenbeschreibung ist Teil des Arbeitsvertrages. Kommt es in der
Zukunft zu Unklarheiten: “Das hast Du mir nie gesagt!” oder “Das habe
ich aber sooo nicht verstanden!” – wird in der Aufgabenbeschreibung
nachgesehen bzw das Band abgespielt.
Diese Arbeit ist sehr
zeitaufwendig und kostet den Restaurateur damit zunaechst einmal Geld.
Auf lange Sicht gesehen ist dieses Geld – einmal investiert – sehr gut
angelegt, denn es vermeidet lange, teure Prozesse vor dem Arbeitsgericht!
Der nachfolgende Job machte mir sehr viel Spass! Ich wurde gefragt,
den Herstellungsbereich einer Fruehlingsrollen- und Samoosa-
produzierende Firma zu begutachten bezueglich Effizienz im
Produktionsbereich, Qualitaetskontrolle und Hygiene. Bis dato hatte ich
ja keine Ahnung, welch Aufwand sich hinter handgemachten
Fruehlingsrollen und Samoosas verbirgt. Das lernte ich jedoch schnell.
Fand auch ziemlich schnell heraus, wie man z. B. mit einfachen Mitteln
mehr Platz im Produktionsbereich schaffen oder Ablaeufe vereinfachen
konnte. An diesem Projekt arbeitete ich im April, zum Ausgang unseres
Winters hier. Trotz rot gefrorener Nase und kalter Fuesse an manchem Tag
machte es Spass, mich in eine neue Materie einzuarbeiten und zu sehen,
dass 80% meiner Vorschlaege umgesetzt wurden.
Die naechste Aufgabe war, die Kosten fuer zerbrochenes Glas und Geschirr
in einer Sushi Bar zu senken. Obwohl das Personal trainiert und immer
wieder auf Sorgfalt beim Umgang mit dem besonderen Geschirr und Glas
hingewiesen wurde, war die Porzellanrechnung am Ende eines Monats
jedesmal erschreckend hoch. Es gab fuer das Personal weder einen Anreiz
noch eine “Strafe” – warum sollten sie sich vorsehen? Ich fotografierte
jedes einzelne Stueck Porzellan und Glas. Bearbeitete die Bilder am PC
und fuegte Bezeichnung und Preis in jedes Bild ein, z. B.: Salad-Schale
58 Rand, Cocktail Glas 18 Rand. Diese Bilder wurden anschliessend auf 3
DIN-A-2- Boegen kopiert, die Boegen laminiert und and die Kuechenwand
geklebt. Zerbricht jetzt jemand ein Teil aus Unachtsamkeit, muss er den
angegebenen Wert zahlen. Dieses Geld wird am Ende jeden Monats einem
wohltaetigen Verein gespendet. Nachdem die Bilder an der Wand hingen,
ging der Bruch drastisch zurueck!
Fuer meinen Erlebnisbericht aus Suedafrika mag diese detaillierte Beschreibung ja sicherlich manchem als nicht ganz passend erscheinen. Ich wuensche mir jedoch, dass meine Arbeit Anregung fuer viele sein mag, wie man Aerger und Stress im Verpflegungsbereich reduzieren kann!
Mehrere andere kleine Jobs hielten mich “gut ueber Wasser”, aber mehr auch nicht!
Was mache ich nicht richtig? Warum habe ich nach fast zwei Jahren
nicht mehr Auftraege? Ich bin inzwischen Mitglied der Industrie- und
Handelskammer in Kapstadt, bin aktiv in zwei verschiedenen Netzwerk
Gruppen – ich sitze nicht nur zuhause und warte auf Auftraege! Dieser
draengenden Frage bin ich ziemlich lange ausgewichen! Warum? Ich haette
mir gegenueber ja Fehler eingestehen muessen……………und Fehler einzugestehn
ist fuer einen “harten Westfalen-Schaedel” nicht einfach!
Letzendlich stellte ich mich jedoch der Frage und wusste auch schnell die Antwort: Ich hatte nie gelernt, meinen Service richtig zu verkaufen! 30 Jahre im Angeselltenverhaeltnis hatten mich auf diese Situation nicht vorbereitet! Mit einem Grinsen muss ich eingestehn, dass ich mich ausserdem hinter meinem Gottvertrauen versteckt habe. Ich hatte gedacht, dass mir die Auftraege nur so zufliegen wuerden ohne grosse Anstrengungen meinerseits. Weit gefehlt!
Wieder einmal zu der fuer mich richtigen Zeit wurd mir die Loesung
vom Universum praesentiert: Ich traf eine Lady, die Verkaufsseminare
anbietet! Nach einigen wenigen Unterrichtsstunden bei ihr zeigen sich
bereits die ersten Erfolge! Welch ein Unterschied, im Gespraech mit
Kunden die “killer sales question” zu kennen! Jedem/r der/die sich aus
einem Angestelltenvehaeltnis heraus selbstaendig macht rate ich ganz
dringend, sich darueber klar zu werden, dass das beste Produkt, der
beste Service, ect, nichts einbringt, wenn nicht verkauft wird – und
zwar knallhart und von Anfang an!
Die zweite Sache, die ich mir eingestehen musste war, dass ich bei der Planung meines Budgets viel zuwenig Geld fuer Marketing eingeplant und absolute keine Marketing-Strategie hatte. Hier gilt unbedingt dasselbe Prinzip: Wie soll die Welt wissen dass jemand existiert, wenn kein Marketing betrieben oder keine Strategie angewandt wird!
Mit einem weiteren Grinsen muss ich eingestehen, dass es ziemliecher Haerte bedurfte um all diese Erkenntnisse in den “ollen Westfalenkopp” einzuhaemmern. Sanfte Hinweise haette ich wahrscheinlich noch nicht einmal wahrgenommen………….
Im Januar 2007 werden es bereits 5 Jahre, dass ich meine Vision
hatte. Zu meiner Abschiedsfeier verschickte ich Einladungen mit dem
Motto:
“Man muss weggehen um ankommen zu koennen”
In den Jahren hier in Suedafrika hab ich unzaehligen Menschen von meiner Vision erzaehlt. Und jedesmal – wirklich jedesmal! –fuehlte und fuehle ich das gleiche Erstaunen darueber, das ich dieses Wunder erleben darf! Der Abschlusssatz war bisher immer der Gleiche: “ Bis jetzt weiss ich nicht, warum ich nach Suedafrika musste. Doch wenn der Mann, der Job oder die Gelegenheit vor mir stehen, werde ich es wissen.”
Vor wenigen Wochen wurde mir ploetzlich klar – bei einem Strandspaziergang!
- warum ich Deutschland verlassen und an’s andere Ende der Welt gehen
musste ---
ICH BIN BEI MIR ANGEKOMMEN
Alles Liebe
Lisa
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