Andere lassen können
Wenn ich höre, dass es einem Menschen, den ich mag, nicht gut geht, kann
ich das schwer ertragen. Ich mache mir Sorgen, überlege, was ich tun
kann. Mir geht es nicht gut, weil ich denke, dem anderen geht es
schlecht. Ich denke, ich müsste helfen. Wenn ich ehrlich bin: Dem
anderen helfen, damit es auch mir selbst besser geht.
Was ich dabei übersehe: Dem anderen geht es vielleicht in seiner Situation besser, als ich mir das vorstelle. Warum? Zum Beispiel, weil er diese Situation schon lange kennt oder auch schon früher solche Situationen hatte und gelernt hat, damit zu leben. Oder weil er dieses Leid für sich im Moment braucht, um mit einer Situation besser umgehen zu können oder um innerlich weiter zu kommen. Und vor allen Dingen übersehe ich bei meinem Sorgen machen, dass ich dem anderen nicht seine Selbstverantwortung lasse. Es liegt in der Verantwortung des anderen, um Hilfe zu fragen. Es liegt in meiner Verantwortung, anderen nicht meine Hilfe, meine Sorgen aufzudrücken, nur weil ich es nicht mehr aushalten kann, den anderen so zu sehen wie er gerade ist. Es ist eine Herausforderung, anderen auch ihr Schicksal zu lassen.
Was ich dabei allzu schnell vergesse: Selbst wenn es mir schlecht geht, will ich keine Hilfe von anderen haben. Es geht mir dann vielleicht nicht gut, aber das ist okay und ich kann damit gut leben. Es ist gar nicht sooooo schlimm, wie der andere vielleicht meint. Und auch wenn ich mein seelisches Leid schwer tragen kann, so will ich auf keinen Fall, dass es ein anderer für mich trägt. Ich finde es unverschämt, wenn ein anderer mir nicht zutraut, mein eigenes Schicksal zu tragen. Leiden kann so heilsam, wertvoll und wichtig sein. Auch wenn ich darüber rede wie unzufrieden ich bin, wie traurig, dass es zum Beispiel nicht weiter geht oder ich bei bestimmten Themen immer noch nicht weiter bin: Ich will selbst meine Lösung finden. Ich brauche und will dann keine Tipps und Ratschläge von anderen. Ich will nur reden. Reden darüber wie es mir geht. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Und wenn ich spüre, ich komme nicht weiter, auch dann übernehme ich Verantwortung für mich und frage um Hilfe.
Ich hoffe, das fällt mir das nächste Mal ein, wenn ich jemand anderen leiden sehe und ihn retten will. Vielleicht erzähle ich dem anderen dann mal, wie es mir damit geht und erfahre so, dass es sich für den oder die Leidende gar nicht so schlimm anfühlt.
Winkewinke von der Denkerinsel
Anja Kolberg
Thema: Blog - 2009, 2. Halbjahr, Blog - Beziehungen, Blog - Dunkle Tage

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