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Donnerstag, 07 Dezember, 2017

Türchen 7: Es tut sich was. Hoffnung. War das denn immer schon so? Hochsensiblität.

Als wir Donnerstag morgen von der Besichtigung der Ausweichquartiere in der Nähe zurück kamen, entdeckten wir einen weiteren Gesellen auf der Baustelle. Auf einmal ging es vorwärts. Sie hatten schon auf der zweiten Dachfläche mit dem Abriss der Bedachung begonnen. Hatte der Anruf vielleicht doch etwas bewirkt und der Chef einen weiteren Mitarbeiter zur Baustelle geschickt? Vielleicht würden sie doch eher als in drei Wochen fertig und wir hätten noch eine Woche wirklichen Urlaub? Hoffnung keimte auf.

Ich floh erst mal wieder vor dem Lärm, schnappte mir meine Walkingstöcke und ging los. Als Ziel für mein Walking hatte ich mir eine Gegend etwas weiter entfernt ausgesucht, wo in einer Heidelandschaft auch ein freies Haus stand. Auf dem Weg dorthin hörte ich Bagger arbeiten. Also war auch dort keine wirkliche Ruhe. Ein großer mit Dreck beladener Lkw fuhr auf der schmalen Straße an mir vorbei.

Mir wurde klar: Es gibt keine Garantie, in dem anderen Haus auch Ruhe zu haben. In gar keinem Haus.

Wie war das vorher in Dänemark Urlauben gewesen?

Ich meine mich zu erinnern, dass wir 2005 im Bjerregard (ein Ferienhausgebiet viel weiter südlich an der dänischen Nordseeküste in der Nähe des Ringkoeping Fjord) in der Nachbarschaft auch Bauarbeiten ca. zwei Häuser weiter hatten. Doch mit etwas mehr Abstand als jetzt und nicht in der Blicklinie. Es hatte mir damals nichts ausgemacht, zumindest erinnere ich mich nicht daran.

Was war der Unterschied zu heute?

Der Unterschied waren die Belastungen, die ich von 2011 bis 2015 durch die beiden Sanierungen in der Nachbarschaft erfahren hatte. Das hatte tiefe Wunden in mir hinterlassen. Ich war nach den zweiten Bauarbeiten ausgebrannt, müde und hatte lange Zeit durch den Lärm keine Ruhe und Regeneration gefunden. Dementsprechend sensibel reagierte und reagiere ich, wenn dieses wichtige Bedürfnis in Gefahr gerät.

Die führten dazu, dass mein Stresssystem sofort bei Baulärm auf Hochtouren lief. Dazu bin ich hochsensibel, nehme Stress (aber auch schöne Dinge) intensiver wahr. (Über meine Hochsensiblilität habe ich hier ausführlicher berichtet.)

Ich übe, mich nicht mit anderen zu vergleichen oder dafür zu verurteilen, dass ich so empfindsam bin. Zum Beispiel statt "Sei doch wie dein Mann, der macht sich nichts draus." mir zu sagen: "Ich bin genau wie ich bin in Ordnung. Jeder ist anders. Jeder hat woanders seine Stärken und seine Schwächen. Das ist ok so." oder statt: "Warum bist du so empfindlich. Stell dich nicht so an." mir zu sagen: "Ich darf empfindsam sein. Es ist völlig in Ordnung, dass mir die Situation zu schaffen macht." Zwei Möglichkeiten von unzähligen.

Eigentlich hatte sich das Thema in den letzten Urlauben immer stärker an mich heran geschlichen:

2015, vor zwei Jahren zum Ende der zweiten Bauphase in unserer Kölner Nachbarschaft - zu dem Zeitpunkt war ich völlig ausgelaugt und mit den Nerven am Ende, der Nachbarin auf der anderen Seite ging es ähnlich - hielt ich im Urlaub die Luft an, ob wirklich wie mir von der damaligen Vermietungsagentur versichert wurde, keine Bauarbieten im Ferienhausgebiet seien. Es gab dort wirklich keine Bauarbeiten, allerdings kam immer sonntags ein Däne zu seinem Haus und renovierte das Dach.

Da das aber relativ weit weg war, ich es hören, aber nicht sehen konnte, gelang es mir, dies auszublenden und mich immer wieder auf mich konzentrieren.

Letztes Jahr, 2016, in der 70er Jahre Ferienhaussiedlung am Meer renovierten alle Besitzer mehr oder weniger ihre Häuschen. Doch da hörte ich mal kurz ein Schleifen, dann wurde gestrichen, was ja nicht zu hören ist. Das zu sehen, macht mir nicht so viel aus, wie es zu hören. (Es gibt Streßpunkte bezogen auf unsere Sinneskanäle, wo man besonders empfindlich ist. Bei mir sind es Geräusche, bei anderen was sie sehen oder riechen...).

Diese Arbeiten dauerten ein paar Stunden und es war vorbei. Auch die großen Bagger am Strand oder die Sägearbeiten an einem oben gelegenen neuen Ferienhaus konnte ich ausblenden. Es war erträglich, wenn auch nicht schön.

Bis eines samstags, ich genoss gerade die über dem Meer untergehende Sonne auf unserer kleinen Terrasse in unserem blauen Haus, da polterte ein voll beladener VW-Bus den Kiesweg herunter, fuhr ganz knapp an unserer Terrasse vorbei und bremste neben dem grünen Haus neben uns. Es stiegen zwei Erwachsene, drei kreischende Kinder und ein bellender Hund aus. Die Lautstärke änderte sich schlagartig von Naturgeräuschen zu High Live.

Der Mann begann sofort mit einem Hochdruckreiniger das Haus von außen zu reinigen. Dahin war die Abendstimmung. Ich war froh, rein gehen zu können, auch wenn wir durch die dünnen Holzwände die Arbeiten noch bis spät in die Dunkelheit hören konnten. Am nächsten Tag, einem Sonntag, ging es gleich in der früh weiter: Der Rasen wurde gemäht, das Haus gestrichen. Wie sollte ich das aushalten? Die vierzehn Tage lang (2017 dachte ich darüber: Welch ein Luxus!) hatte ich es genossen, auf der Terrasse zu sitzen, dort zu frühstücken, zu lesen und aufs Meer zu schauen. Und nun?

Es widerstrebte mir, mich von dem Krach nach drinnen vertreiben zu lassen. Auf keinen Fall wollte ich meinen Glücksplatz an der frischen Luft mit Blick aufs Meer hergeben. Ich zog mir Kopfhörer an - womit ich mich normalerweise gar nicht konzentrieren kann, doch mit einer noch nie gehörten Musik (einer Mischung aus Entspannung und Techno würde ich es beschreiben - funktionierte es wunderbar - und schrieb mir stundenlang meinen ganzen Frust von der Seele. Schaute nach innen, fand einen verletzten Anteil und arbeitete mit ihm, schenkte ihm Aufmerksamkeit.

Gleichzeitig war mir durch das Gesetz der Anziehung klar, dass es gut war, mir gute Gedanken wegen der Baustelle zu machen und keine negativen. So schwer das ausgerechnet in einer solchen Situation auch ist. Am Nachmittag war ich müde geschrieben und mein Mann, Minu und ich machten einen Ausflug zum Leuchtturm. Ich wünschte mir, die Nachbarn wären dann weg, alles nur eine Fata Morgana gewesen. Die Kinder waren im Schulalter, sie mussten ja auch zur Schule.

Als wir zurück waren, sahen wir keinen Bus mehr vor dem nicht mehr grünen, sondern jetzt roten Haus neben uns stehen. Stille. So laut wie die Wikinger über uns hergefallen waren, so leise waren sie gegangen. Ich war so unendlich erleichtert und dankbar. Mein Urlaubsglück war wieder hergestellt!

Soweit die Erfahrungen in den vergangenen Urlauben mit Renovierungen oder Baulärm. Es waren Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was uns in diesem Jahr wiederfuhr und Winzigkeiten im Gegensatz zu dem, was die mehrjährigen Bauarbeiten der Nachbarn in Köln an Spuren bei mir hinterlassen hatten. Irgendwie habe ich rückblickend das Gefühl, ich wäre wie von oben geleitet, von Jahr zu Jahr wieder mit etwas mehr Lärm beschallt worden, um zu üben, wieder mit solchen Belastungen umzugehen. Dieses Jahr war wirklich die Meisterarbeit. :-)

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* * * Bisher erschienen:

Der Adventskalender ist gestartet - mit Verlosung

Türchen 1: Angekommen am Meer - Das Ferienhaus

Türchen 2: Das erste mal am Strand - wo ist der Ausgang?

Türchen 3: Schöner Bummel-Sonntag in Loekken

Türchen 4: Die erste Prüfung beginnt

Türchen 5: Pech und Glück liegen nah beieinander. Wilde Blüten und Strandbuggyspaß

Türchen 6: Aktiv werden. Wie kann ich mir beistehen? 

Bis morgen,

Ihre Anja Kolberg

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